Was Bolle mit Pankow zu tun hat

“Bolle reiste jüngst zu Pfingsten, nach Pankow war sein Ziel.” Was  hat denn Bolle mit Pankow zu tun?

“Bolle reiste jüngst zu Pfingsten, nach Pankow war sein Ziel.” Was  hat denn Bolle mit Pankow zu tun?

Damals lagen wir hier noch weit vor den Toren Berlins und waren ein beliebtes Ausflugsziel. “Bolles” gab es viele. Der Familienname ist heute noch in Pankow zu finden. Ein Hotel in Französisch-Buchholz hat einen Besitzer mit gleichem Namen, und auf mehreren Friedhöfen sind Grabsteine, die auf diesen Familiennamen hinweisen.

Aber ich möchte einen ganz besonderen Mann vorstellen, der auf andere Weise dann doch mit unserem Pankow zu tun hat.

„Bolle, Bolle, bim bim bim!“ sangen Berliner Kinder vor hundert Jahren und noch lange danach, wenn der Milchmann um die Ecke bog. Auf dem Rücksitz des weißen Fuhrwerks pflegte ein Junge in der blauen Uniform der Meierei Bolle zu sitzen, der die Bimmel schwang. Die kessen Bollejungen mit ihren Deckelmützen und Ledertaschen gehören untrennbar zum alten Berlin, schon wegen ihres oft unfreiwilligen Witzes. Flink halfen sie dabei, die Milch auszutragen und zu kassieren, und dabei amüsierten sie und mancher Betrachter sich „wie Bolle off’m Milchwagen.“ Bis in die zwanziger Jahre hinein arbeiteten die Bollejungen für die größte Meierei ihrer Zeit.
 
Die Meierei C. Bolle gehört zu den Unternehmen, die die Geschichte Berlins prägten. Firmenoberhaupt Carl Bolle als einer der herausragenden Akteure der Gründerzeit war zudem ein äußerst populärer Unternehmer. 1881 rief er im Alter von fünfzig Jahren seine Meierei ins Leben und baute binnen weniger Jahre ein regelrechtes  
Milchimperium auf. Im Jahr 1888 brachen jeden Morgen etwa hundert Milchwagen vom Hof der Meierei in Alt-Moabit auf und verkauften Milch  
an 3 000 Haltestellen in der Stadt. 1891 beschäftigte Carl Bolle bereits über siebenhundert Mitarbeiter, im Jahr 1900 etwa zweitausend.

Sein Erfolg beruhte im Wesentlichen auf dem neuen Vertriebsweg für sein Produkt: frische Milch vor’s Haus den Berlinern. Genaue Fahrpläne über Haltepunkte und Ankunftszeiten der einzelnen Wagen erleichterten den Kunden den Einkauf. Das Bolle-System füllte damals eine echte Bedarfslücke in der schnell wachsenden Großstadt. Nachweislich sank seit Gründung der Meierei die Säuglingssterblichkeit in Berlin erheblich, und schon ab 1884 verkaufte Bolle Kindermilch von ausgesuchten Kühen in plombierten Flaschen.

Neben seiner Pioniertätigkeit in der Lebensmittelversorgung war „Vater Bolle“ ein sozial engagierter, menschlicher Patriarch. War ihm mangels Abitur die Laufbahn eines Theologen verwehrt, so setzte er sich mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln für das Wohl seiner Arbeiter ein, sowohl materiell als auch geistig-moralisch. Seine Angestellten und deren Familien waren ihm wirklich wichtig, und wegen des guten Betriebsklimas gab es in seiner Arbeiterschaft so gut wie keine Fluktuation. Sogar das Kaiserpaar besuchte 1889 mit stattlichem Gefolge diesen mustergültigen Betrieb.

 
1886 hatte Carl Bolle das 23.000 Quadratmeter große Gelände in Alt-Moabit erworben, wo seither das Unternehmen seinen Sitz hatte. Dort entstand die Meierei und Milchverwertungsfabrik, deren Produktionsgebäude heute als letztes noch erhalten ist. Dazu gehörten damals Stallungen für 270 Pferde, Wagenremisen und Werkstätten. Im Hof reihten sich die Milchwagen aneinander, zunächst Pferdefuhrwerke, dann Elektrowagen und LKW. Die schlichten Backsteinbauten beherbergten außerdem Unterrichtsräume, eine Kantine, einen großen Festsaal und ähnlich fortschrittliche Einrichtungen – sogar eine eigene Kapelle, die zweimal vergrößert werden mußte und schließlich 1500 Sitzplätze hatte. Nach 1919 wurde sie zwischenzeitlich als Kino und seither als Kindertheater genutzt. Im Zweiten Weltkrieg erlitten die Gebäude jedoch schwere Beschädigungen.

Carl Bolle starb 1910 hochgeehrt. Seine Söhne führten die Meierei weiter, die im Laufe der Jahre in weitere Bereiche der Lebensmittelbranche vordrang. Erst 1991 verließ das Unternehmen seinen Traditionssitz an der Spree und zog an den Stadtrand. Das denkmalgeschützte Meiereigebäude in Alt-Moabit wird nun umgebaut und in ein hochmodernes Dienstleistungszentrum einbezogen. Auf der südlichen Seite mit Blick auf die Spree zog das SORAT Hotel Spree-Bogen ein; die Hallen, in denen einst Butter und Joghurt verpackt wurden, dienen heute als charmante Konferenzräume.

An Bolle erinnern in Berlin viele Redewendungen, „frech wie Bolle“ beispielsweise. Auch die bekannte Milchmädchen-Rechnung geht auf die Meierei Bolle zurück: Anna Schnasing aus dem Spreewald, die bei Bolle als Milchmädchen diente, war leider im Kopfrechnen nicht sehr bewandert. Abend für Abend fehlte Geld in ihrer Ledertasche. Das ging so lange, bis sie sich eines Tages ein unfehlbares System ausdachte, um mit Hilfe ihrer Finger sichere Multiplikationen auszuführen. Keiner wußte, wie sie es anstellte, doch von da an stimmten ihre Zahlen. Erst ein Privatdozent, der jeden Morgen seine Milch am weißen Wagen kaufte, kam Anna Schnasing auf ihre komplizierten Sprünge. Später wurde Anna Schnasing sogar Directrice in der Meierei. Offenbar hat Bolle sich darüber ganz köstlich amüsiert…

Und hat nun dieser berühmte Carl Bolle etwas mit unserem Pankow zu tun? Er hat auch bei uns seine Spuren hinterlassen.In Niederschönhausen in der Wohnsiedlung an der Nordendstraße gibt es einen kleinen zur Straße hin offenen Platz, der seit langer Zeit „Bolle-Hof“ genannt wird, obwohl kein Namensschild das ausweist. Hier sollen früher regelmäßig die bekannten „Bolle-Milchwagen“ Station gemacht haben.

Ja, und dann ist da noch die uns allen als „Nordendarena“ bekannte Sportanlage an der Blankenfelder Chaussee. In einem Verwaltungsbericht aus dem Jahre 1928 ist zu lesen, daß damals gegen die Arbeitslosigkeit angekämpft werden mußte. Der „Bolle-Sportplatz“ war ein Objekt unter vielen. So entstand ja auch die unweit gelegene Stadtrandsiedlung mit 92 Häusern in Blankenfelde, errichtet 1931, für arbeitslose, kinderreiche Famlien. Die Männer, die sie erbauten, zogen danach dort ein, die Bauten wurden durch Auslosen vergeben.

Aber wie gesagt heißt es schon 1928 in einem Verwaltungsbericht, daß die David-August-Bolle-Anlage an der Blankenfelder Chaussee zur Verminderung der Arbeitslosigkeit erbaut wurde. Da die bereitgestellten Mittel sehr beschränkt waren, konnte nur die Hälfte der in Aussicht genommenen Fläche zu einer Sportanlage umgestaltet werden. Der zur Ausführung kommende Entwurf des Gartenbaudirektors Weise sah einen mit Rasen versehenen Fußballplatz vor. Eine 400 Meter lange Aschenbahn und eine gleiche 100 Meter lange werden dem Laufsport dienen, während in den seitlichen Kreisbögen des Fußballfeldes Hoch- und Weitsprunggelegenheiten vorhanden sind. Außerdem sind noch Plätze für Turnübungen und für Bewegungsspiele vorgesehen. Die Westseite nimmt eine Terrasse mit Sitzgelegenheiten für die Zuschauer ein. Der ganze Platz soll mit Baumgrün eingefaßt werden, das dem Platzgelände einen freundlichen Rahmen geben soll.

Heute verfügt der Platz über restaurierte, unter Denkmalschutz stehende Sportplatzgebäude, er ist im ganzen Umfang ausgebaut und hat auch eine Tennisanlage.Man kann sagen, David August Bolle hat seinem Vater, dem „alten Bolle“, ein würdiges Denkmal gesetzt.

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