Die Schönhauser Straße…

… führt von Rosenthal nach Niederschönhausen und damit zum Schloss Schönhausen. Diese Straße bestand schon im 19. Jahrhundert als einzige Verbindung von Niederschönhausen nach Rosenthal. Deshalb hieß sie auch auf Niederschönhausener Gebiet Rosenthaler Straße, wie aus dem Phasus-Plan von 1903 hervorgeht.

 

… führt von Rosenthal nach Niederschönhausen und damit zum Schloss Schönhausen. Diese Straße bestand schon im 19. Jahrhundert als einzige Verbindung von Niederschönhausen nach Rosenthal. Deshalb hieß sie auch auf Niederschönhausener Gebiet Rosenthaler Straße, wie aus dem Phasus-Plan von 1903 hervorgeht.

Die Schönhauser Straße 42 wurde 1880 / 90 im italianisierenden Landhausstil im streng klassizistischen Formen gebaut, straßenseitig mit portikusähnlicher übergiebelter Drei-Fenster-Gruppe.

Der Turm hatte ein Turmzimmer mit flachem Dach.

Erzählt wird, ein jüdischer Bankier hätte es sich als Sommerhaus gebaut. Es ist auch tatsächlich „auf Fassade“ gebaut. Die hohen Räume sind einfach gewesen, die geka- chelte Küche im Keller mit Aufzug. In den Keller gelangte man in Fortsetzung des Treppenhauses. Vom Keller kam man aber auch ins Freie treten, fast so, wie ein Dienst- boteneingang dagegen war die stufige Treppe, die in einem verglasten, nach vorn offenen Vorraum führte, sehr einladend. Durch eine schwere zweiflüglige Haustür mit Oberlicht betrat man das kleine Treppenhaus. Die Zimmer lagen mit einem schmalen Mittelflur versehen, im Parterre und ersten Stock. 

Über dem verglasten Treppeneingang lag ein großer Freiterrassenraum. Hinter dem Haus gab es ebenfalls eine Terrasse mit schö- nem Eisengeländer und seitlicher Freitreppe mit Blick in einen parkähnlichen Garten. Hinter dem Haus, nahe der Kellertür lag ein großer, gemauerter Tiefbrunnen, der erst 1988 wieder zum Vorschein kam, als die Abdeckung der Eichenbohlen einstürzte. Er diente der Wasserversorgung In der Gegend wurde 1908 Wasser und Abwasser in den Häusern verlegt, zuerst vom Rosenthaler Wasserwerk im Anger- weg kommend, ab 1911 dann vom Wasserwerk Stolpe.

Die Abwasserregulierung mit Regenwasserkanal in der nahe gelegenen Nordendstraße erfolgte etwa zur gleichen Zeit. Auch die Stadtgasversorgung, z. B. für die Zimmerbeleuchtung war in dieser Zeit hier in der Gegend schon üblich.

Im Jahre 1913 steht im Berliner Adressbuch unter „Fünf Vororte von Berlin“ auf Seite 279, dass der Eigentümer der Schönhauser Straße 26 (jetzt 42) Sanitätsrat Dr. c. Oestreicher aus Charlottenburg ist. Ihm gehörte auch das Gelände von „Maria Frieden“, jetzt eine katholische soziale Einrichtung, heute zur Caritas gehörend, damals Schön- hauser Straße 27–28 (heute 41). Dr. Karl Oestreicher war Jude. In der Schönhauser Straße 27–28 waren außerdem folgende jüdische Ärzte Dr. Max Gallewski und Dr. Martin Goldstein. In den gegenüberliegen- den Nordendkrankenhaus Mittel- straße 6-8 war als Eigentümer und Direktor Dr. Wilhelm Dosquet, Facharzt für Urologie und Geschlechtskrankheiten und sein Sohn Dr. Hans Dosquet tätig.

Das Krankenhaus hatte Behandlungsmethoden mit viel frischer Luft. Die Patienten lagen bei weit geöffneten großen Fenstern und wurden Paterre ins Freie unter die Kastanien gerollt. Das Kranke haus galt als Lungenheilstätte. Hier starb Carl von Ossietzky (1889 bis 1938) an den Folgen der Konzentrationslagerhaft. Den Friedensnobelpreis konnte er nicht mehr persönlich entgegennehmen.

Nun zurück zum Haus Schönhauser Straße 42.

Man erzählt sich folgende Legende zur Inschrift, auf dem Foto deutlich zu sehen. Hier praktizierten ja immer Ärzte; es muss auch wie ein kleines Sanatorium funktioniert haben, worauf die Kellerräume mit großem Küchentrakt und Aufzug hinweisen. Nebenan die wesentlich größere Krankeneinrichtung hieß „Maria Frieden“, und das Haus Schönhauser Straße 26 (heute 42) hieß Sophienruh. Es soll, wann und unter wem immer, so gewesen sein, dass „betuchte“ Herren ihre angetrauten Damen hier zur Behandlung oder Kur abgeben konnten.

Häufig soll es vorgekommen sein, dass die Herren bald eine schriftliche Bestätigung besaßen, dass die Dame nicht mehr „gesellschaftsfähig“ sei. Sophie sollte im Hause ihre Ruhe finden und die Herren hatten freie Bahn. Vielleicht war es auch gar nicht so, sondern eine Ehefrau eines Besitzers hieß schlicht und einfach Sophie. Das muss aber heraus zu finden sein. Wie lange Dr. Oestreicher in diesem Haus wohnen konnte, wissen wir zur Zeit nicht.

Nach ihm kam Dr. Herbeck hierher, ein Militärarzt, der hier auch prakti- zierte. Er war ein Nazi und Busenfreund von dem damaligen Reichsgesundheitsminister Conti. Die Frau von Dr. Herbeck war eine geborene Dalüge. Conti war mit Heydrich befreundet, dem maßgebenden Organisator der Wannseekonferenz. Heydrich verkehrte mit der Familie Dalüge, wo Herbecks Frau herstammte. Da schließt sich ein verhängnisvoller Kreis.

Wie ist das Ende von Dr. Herbeck? In der Gegend wurden folgende Versionen erzählt. Es wird gesagt, er wurde „abgeholt“, andere sagen, er wäre „im Felde gefallen“. Auch gibt es die Aussage, er habe sich im Vorgarten erschossen. Dr. Manfred Jauert will diesen Fakt klären.

Am Treppenaufgang steht noch „!Karten- und Impfstelle“. Ich entsinne mich, dass man nur die Lebensmittelkarte bekam, wenn man geimpft war. Ob ich hier zum „pieksen“ während oder nach dem Kriege angestanden habe, weiß ich nicht mehr. Zum Kriegsende war ich neun Jahre alt. Hat nach 1945 dort noch ein Arzt praktiziert? Auf jeden Fall hatte das Gebäude zu Kriegsende einen „Halbtreffer“ bekommen. Die linke Hälfte wurde erneuert. Man sieht es, wenn man davor steht.

Nach 1945 war das Vermessungsamt provisorisch untergebracht, wo Elfriede Wiwiorra von 1947 bis 1948 arbeitete. Sie weiß, dass Eugen Luhner, ein Ingenieur, hier gearbeitet hat. Er bezog später die 1. Etage und wohnte dort mit Frau und Tochter Friedericke. Parterre wohnte eine Familie. Die Frau arbeitete bei der Post. Sie richteten sich den Durchgang zur Terrasse als Küche ein. Zu dieser Zeit wurde der Zugang vom Flur zum Keller geschlossen, denn dieser wurde als Souterrain-Wohnung einer obdachlosen Familie zugeteilt. Sie richteten sich ein. Auf den Steinfußboden malten sie sich Ihre Teppiche, weil es für Bodenbelag zu klamm war.

Im Jahre 1975 zog unsere Familie mit 3 Kindern in die Paterre-Wohnung ein. Der Keller war zu seiner ursprünglichen Funktion zurückgekehrt. Die zwei Kellerräume von Herrn Luhner waren noch aus der Sanatoriumszeit als Küche herrschaftlich gekachelt. Die Stelle des ehemaligen Speiseaufzuges war noch zu erkennnen.

In einem anderen Kellerraum war noch eine Badewanne, die auf einem gemauerten Podest stand und mit gemauerten Steinstufen zu erreichen war. Sie hätte sonst unter dem Niveau der Entwässerungsleitung gelegen. Unsere Familie hat bis 1991 hier gewohnt und sich wohl gefühlt.

Das Grundstück hat seit 2006 neue Eigentümer, die das Haus so herrichten, wie es auf dem Foto von Max Skladanowsky von 1910 zu sehen ist.

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